Zeit der Stille

In Oberheimen hört man nachts manchmal allerlei Geräusche: fallenden Regen, das Rauschen der Bäume, manchmal streiten sich ein paar Katzen und hie und da bellt ein Fuchs, und der Hahn des Nachbarn ist, wie es sich für einen richtigen Güggel gehört, ein Frühaufsteher. Am Morgen meldet sich zur Zeit zu unserer besonderen Freude der Trauerschnäpper, der sich auf dem Nussbaum vor unserem Haus eingenistet hat.

Was wir nachts nur ganz selten hören sind vorbeifahrende Autos, und verschont sind wir hier auch vom Kirchenlärm. Keine Sekunde lang habe ich sie vermisst, die nächtlichen Viertelstundenschläge, deren Sinn sich mir nie erschlossen hat und den mir auch noch nie jemand erklären konnte. Hier in Oberheimen ist es diesbezüglich paradiesisch ruhig. Natürlich haben wir zwar auch hier zwei Kirchen in Hörweite: Gegen Osten die Kirche in Heiligkreuz, gegen Süden jene von Lenggenwil. Von Heiligkreuz habe ich bislang nur auf der Anhöhe gehört; bei Südwind vernimmt man manchmal ganz leise die Glocken von Lenggenwil.

Ich wohnte an Orten, an denen mich Kirchturmlärm zeitweise rasend machen konnte, weil er mir den Schlaf raubte. Dabei habe ich nicht prinzipiell etwas gegen Kirchenglocken: In Tobel, wo ich aufgewachsen bin, meldet sich jeden Tag zur Zeit des Sonnenunterganges das Geläut mit einem sehr tiefen Glockenklang. Diesem bei anbrechender Abenddämmerung zu lauschen kann eine sehr schöne, meditative Erfahrung sein. Vollendet wäre die sinnliche Erfahrung, wenn danach die weltlichen Glocken bis zum Anbrechen des Frühgeläuts einfach mal die Klappe halten würden. Dies hätte durchaus auch eine spirituelle Botschaft: Tagsüber der rastlose Betrieb unser hektischen Welt im kontinuierlichen Ablauf der Zeit, an den uns die Glocken mit ihrem Viertelstundenschlag erinnern. Mit dem Abendgeläut bricht die Zeit des Herrn an. Sie gehört der Stille, der Kontemplation, der inneren Einkehr.

Leider dauert auch in Tobel die Zeit der Stille höchstens eine Viertelstunde – bis zum nächsten DING-DONNNNNG.

Nur in Oberheimen ist Ruh.

Anlass für diesen Beitrag war eigentlich ein Text, den ich für den Blog Direkte Demokratie geschrieben habe.

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2 Antworten zu Zeit der Stille

  1. Franz Oettli schreibt:

    Ja, man nimmt doch viel mehr war in der Stille als wenns laut ist rundherum. Am Anfang hatte ich auch Mühe, die Geräusche einzuordnen, aber jetzt sieht man nicht mehr nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren, z.B. wenn sich nachts die Kühe auf dem Feld bewegen, weiss man, dass der Fuchs oder sonstwas wieder umgeht. Aber das mit diesen Kirchturmglocken, die alle Viertelstunde gongen, das ist doch schon mühsam. Wir haben hier eine, die zum Glück nur alle Stunden lärmt.

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  2. Pingback: Geräusche auf einem Spaziergang am Samstag im Nebel, kurz vor dem Morgengrauen, in der Reihenfolge ihres Auftretens: | Oberheimen Blog

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